Gesund und beknackt

Was bei den Zeugen Jehovas Hausbesuche sind, sind bei den Sich-Gesund-Ernährenden Karotten. Statt sich an der eigenen beknackten Idee zu erfreuen, muss wie so oft das Umfeld leiden. Beim Einkauf achten die Gesunden nämlich nicht auf Kalorien, sondern auf Dezibel. Je lauter, desto besser, oder wie sie es nennen ‘ausgewogene Ernährung’. Etwas weich kochen, das geht gar nicht! Höchstens schreckt man es kurz mit kaltem Wasser ab und beim ersten Bissen weiß die ganze Nachbarschaft, mit wem sie es zu tun hat. Treffen zwei Gesunde mit ihren Kohlrabis, Radieschen und Reiswaffeln aufeinander, kommt es auch schon mal zu einem Hörsturz.

Der Gesunde macht sich oft bereits in der Schulzeit erkennbar, wenn er während einer Klausur als einziger knackfrische Äpfelchen "für die Konzentration” einwirft. Später belästigt er sein Umfeld dann in überfüllten Bahnwagons und Aufzügen mit seinen Sellerie-Sticks, die er auch bei der Entschärfung von Fliegerbomben in der ersten Reihe stehend explosionsartig zerbeißt. 

Manch Gesundheitsfanatiker kann sich den Griff zur lautlosen Milchschnitte trotzdem nicht verkneifen, nur um sie dann später wütend auf den Boden zu pfeffern.

 

Einkaufsliste für Nachahmer:

Radieschen (30dB)

Kohlrabi (35dB)

Reißwaffel (52dB)

Karotten (59dB)

Knäckebrot (45dB)

(erschienen im Eulenspiegel 05/19)