Daueraufregung

Im Freibad kann ich mich vor fremden Blicken kaum schützen, denn ich bin ein sehr aufgeregter Typ. Während andere vom 10 Meter Turm springen, stehe ich nervös auf dem Startblock. Damit bin ich nicht alleine. Seit vielen Generationen schon können sich Mitglieder meiner Familie nicht aufregen, denn sie sind bereits ständig aufgeregt – das alte Geschlecht der Nervenschwachen. Beim ersten Schultag, beim Abitur, zur Hochzeit ist überall Aufregung vorprogrammiert. Aber ich bin, erblich bedingt, auch aufgeregt an der Kasse von Edeka, wenn der Kellner im Restaurant die Rechnung bringt oder wenn das Nudelwasser kocht. Gründe, die mich innerlich und äußerlich aufrütteln, gibt es unendlich viele und auch deswegen stehe ich ständig unter Strom. 

Die einzige Gelegenheit, bei der ich richtig ruhig bin, ist am Sonntagabend. Da schlafe ich beim Münster-Tatort sofort ein.

(Erschienen im Eulenspiegel 09/19)

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